„Wenn es hart auf hart ko... Moment, das war nicht hart.“
Manche Leute setzen Hebeltechniken ein, andere brauchen das nicht


Wer im im Aikikai Honbu Dojo (Aikikai-Hauptsitz in Tokio) trainiert, mag zwischendurch eine kleine alte Dame, einen gebrechlichen älteren Herrn oder einen Bankangestellten mittleren Alters mit Bierbauch als Trainingspartner haben, sich plötzlich an die Decke blinzelnd auf dem Rücken wiederfinden und sich fragen, wie das passieren konnte. Diese Leute haben es trotz ihres offensichtlichen Mangels an Sportlichkeit geschafft, einen jüngeren, stärkeren Partner auf die Matte zu legen. Das kann nicht auf der normalen Vorgehensweise beruhen. Worauf also sonst?

(Rex Romero, 2019)

Bevor ich vor 4 Jahren in die Schweiz zog, lebte ich in Tokio und trainierte 12 Jahre lang Aikido im Aikikai Honbu Dojo. Das Schöne am Training hier ist die grosse Auswahl an potenziellen Partnern. In meinem alten Universitätsclub trainierte ich nur mit Gleichaltrigen, aber im Aikikai Honbu Dojo wusste man nie, wer vor einem stehen würde: Jung, alt, krass alt, klein, gross, schwer, krass dünn, usw.... Es konnte jeder sein. Manchmal begegnete ich so Leuten, die mich überraschten. Es ist natürlich keine Überraschung, hart geworfen zu werden, wenn ich mit einem kräftig aussehenden, athletischen Kerl trainiere. Klar wirft er mich hart, er ist ja topfit! Wenn ich jedoch mit einem schwach wirkenden Partner trainiere, erwarte ich keinen harten Wurf und es ist ein Schock, wenn das doch passiert. Immer wenn mich eine «schwächere» Person auf die Matter legte, hüpfte mein Gemütszustand von "Was zum Teufel war das!?" zu "Ich möchte das auch können!".

Von Zeit zu Zeit hatte ich Trainingspartner, die sich unerwartet seltsam anfühlten. Eines Tages setzte mir ein älterer Herr einen Handgelenkhebel an, eine übliche Aikido-Technik, die man im Training oft übt. Der Hebel sah auch ganz normal aus, nichts Aussergewöhnliches, und normalerweise hätte mich der ältere Herr durch den üblichen schmerzenden Druck auf das Handgelenk in die gewünschte Richtung bewegt, aber statt dessen stockte mir der Atem. Ich bekam keine Luft mehr. Ich war so geschockt, dass es mir nicht einmal einfiel, Widerstand zu leisten. Wie bekämpft man etwas, das einen am Atmen hindert? Es war abgefahren. Ein Atem-raubender Handgelenkhebel! Wie hat er das geschafft?!

Ein anderes Mal trainierte ich mit einer kleinen alten Dame. Ich setzte zu einem geraden Schlag von oben auf ihren Kopf an, unsere Unterarme berührten sich, kein Zusammenprall, nur ein Berühren, und plötzlich war ich auf dem Boden, die Decke vor Augen. Ich hatte keine Ahnung, was passiert war, und war ganz verdattert. Ich hatte sie nicht bewegen gefühlt. Ich fühlte die Berührung der Unterarme, aber da war kein Gewicht dahinter, kein Zusammenstoss, und trotzdem lag ich auf dem Boden.

Das gab mir das Gefühl, dass da draussen noch etwas anderes sein muss. Eine andere Art der Bewegung als normale sportliche Bewegung. Wer wie ein Athlet aussieht und sich wie ein Athlet bewegt, kann seine Leistungen auf sportliche Fertigkeit zurückführen. Aber wer kein Athlet ist und die gleichen Ergebnisse erzielt... Solche Menschen gäbe es nicht, wenn Aikido nur aus blossen Techniken im Stil von „ein Schritt vorwärts, die rechte Hand hier stehen lassen, nach link drehen“ bestehen würde.

Die Begegnung mit diesen überraschenden Zufallspartnern hält meine Freude am Aikido-Training am Leben. „Keine Kraft anwenden!“ oder „Keine Muskeln verwenden!“ sind oft diskutierte Aikido-Themen, die für mich v.A. dank Begegnungen mit Leuten wie dem älteren Herrn und der alten Dame Relevanz haben. Ich werde wohl mein Leben lang  nach dem Level ihres unkonventionellen Aikido streben.

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