“Naginata lügt nicht”
Was Stangenkampf-Training für dein Aikido tun kann

Bei Aikido und «innerer Kampfkunst» geht es darum, unnötige Bewegungen auszumerzen und Aiki zu erreichen. Was ist Aiki? Es gibt Hunderte von Online-Artikeln, die Aiki zu definieren versuchen, wobei "ausgeglichene Kraft" die Definition ist, die mir am meisten einleuchtet. Zur Erreichung dieser "ausgeglichenen Kraft", durch Umlenken oder Ausgleichen einer äusseren Kraft,  ist die korrekte Körperhaltung ausschlaggebend.

(Rex Romero, 2019)

Jedem Aikido-Praktizierenden wird eine stabile, aufrechte Haltung gepredigt. Wir alle wissen also, wie wichtig  eine solche Haltung ist, und ich habe in meiner Trainingslaufbahn auch stets darauf hingearbeitet, aber der Aha-Moment kam erst, als ich zum ersten Mal die 2.5 Meter lange, unhandliche Stangenwaffe "Naginata" in den Händen hielt. Ich hatte bereits früher mit Stab- und Stockwaffen trainiert, aber erst nach dem Naginata-Training schnellte mein Körpergefühl so richtig nach oben. Es kann fast als Fausregel genommen werden: Je länger und unhandlicher die Waffe, desto mehr leuchtet einem die Bedeutung einer stabilen Körperhaltung ein und desto steiler ist die Lernkurve. Je korrekter die Körperhaltung, desto mehr nähert man sich dem Aiki an.

Waffentraining ist nicht Teil des Standard-Aikidolehrplans, wobei man den Gebrauch von Bokken (Holzschwert) oder Jo (128 cm langer Stock) erlernen sollte, falls man einmal als Uke eines höheren Dan-Anwärters dienen möchte. Nach einer Unzahl fleissiger Trainingsschnitte mit dem Bokken, mit perfekter Körperhaltung, wie ich dachte, hielt ich mich für ziemlich gut, bis der erste Schwung einer Naginata meine Illusionen zerstörte. Die Spitze meiner Naginata schwang mehrere Zentimeter aus der Bahn... Mein Körperhaltung musste also falsch sein, und genauso schwangen wohl meine früheren Bokken-Schnitte aus der Bahn... Fast unmerkbare Milimeter beim Bokken-Schnitttraining führen zu auffälligen Zentimetern beim Naginata-Schnitt.

Während einer humorvollen Unterhaltung über meine wohl-doch-nicht-ganz-so-perfekten Trainingsschnitte, kam mir eine T-shirt-Idee: «Naginata don’t lie» (Naginata lügt nicht). Es war zwar ein Witz, aber dann doch wieder keiner. Manchmal kann man noch so hingebungsvoll Aikido und innere Kampfkunst trainieren, noch so nach Aiki und perfekter Körperhaltung streben, und denken, man habe Fortschritte gemacht, aber erst wenn man eine lange Waffe schwingt, weiss man, ob man´s wirklich hat oder nicht. Training mit langen Waffen gibt dir eine gnadenlose Rückmeldung zu deiner Körperhaltung und Struktur, und ist somit ein Feedback-Instrument, das ich wärmstens empfehlen kann. Versuch´s mal selbst!

Trainingsnotizen: Während eines freien Trainings, bei dem mein Partner und ich unsere Handgelenke aneinanderlegten, schien er desorientiert. Es sei verwirrend wie sich meine Mitte mit meinen Händen bewege und meine Hände sich fremd anfühlten. Sowas hört man gerne, ist es doch ein Zeichen, dass man auf dem richtigen Weg ist, und ich fühle, dass es meinem Stangenwaffen-Training zu verdanken ist. Auch wenn der Sprung von Aikido zu 2.5 Meter langen Waffen nicht intuitiv ist, lohnt es sich also definitiv, diese zu erkunden.

Tendo-ryu Naginata

 

Naginata ist eine traditionelle Schlachtfeldwaffe, eine Schnittwaffe, die heutzutage in Japan fast ausschliesslich von Frauen trainiert wird. Ich sah kleine alte Damen anmutig die Naginata schwingen, mit einer Grazie, die für Anfänger schwer zu erreichen ist und die mich neugierig machte. So beschloss ich, Naginata auszuprobieren und hatte Glück. Ich bekam die Gelegenheit, den altehrwürdigen Tendo-ryu Naginata-Stil zu trainieren, der sich bis in die Sengoku-Periode (die Zeit der kriegsführenden Länder) im 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.

Yasuko Kimura Sensei, Soke (Stil-Oberhaupt) von Tendo-ryu, gestattete mir, ihre Klassen zu besuchen und begann, mir moderne Naginata zu lehren, obwohl sie wusste, dass ich an Tendo-ryu interessiert war.

Ihr Enkel, ein kleiner Junge, der mir nur gerade zum  Bauchnabel reichte, spielte während dem Training gerne in einer Ecke, wenn er nicht gerade Naginata-Kata trainierte. Schliesslich wies mich Kimura Sensei mit verschmitzten Augen an, ihrem Enkel beim Tendo-ryu-Kata-Training zu folgen, da ich ja «unbedingt Tendo-ryu lernen wolle». So kann man sagen, dass mein erster Tendo-ryu Nagata-Lehrer ein 7 Jahre alter Junge war...

 

Ich war, nebst dem Enkel, der einzige männliche Schüler in Kimura Senseis Dojo, der einzige Ausländer. Eines Tages war ich auch der einzige Trainierende und kam so in den Genuss von Kimura Senseis ungeteilter Aufmerksamkeit (Ok! Allein mit dem Oberhaupt des Stils!). Ich hatte sie schon vor meinem Naginata-Training mehrmals angetroffen. Eine grossmütterliche, nette ältere Dame, war mein Eindruck. Im Training war sie nicht viel anders, vielleicht etwas ernster. Aber als wir uns gegenüber aufstellten und verbeugten, wurde aus der kleinen alten Dame eine Art Präsenz... Ich stand vor einer grossen Kampfkünstlerin und gab mein Bestes, da ich mich garantiert nicht blamieren wollte. Good Times.

Tendo-ryu Naginata training in Tokyo

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